Als ich die Aussage „Depression ist die Belohnung fürs Bravsein“ gelesen habe, fand ich das psychologisch ausgesprochen interessant. Sie ist provokant, hat einen durchaus ernstzunehmenden psychodynamischen Kern, wäre aber natürlich in ihrer Absolutheit problematisch.
Deshalb möchte ich diese Aussage auf mehreren Ebenen betrachten.
1) Psychodynamisch: Depression als Preis der Selbstverleugnung
Ein Kind lernt früh, dass Beziehung, Anerkennung, Zugehörigkeit, Zuneigung und Wertschätzung an Bedingungen geknüpft sind.
Sei angepasst! Mach keine Schwierigkeiten! Enttäusche niemanden! Sei leistungsfähig! Stelle deine Bedürfnisse zurück! Sei nicht wütend!
Wir entwickeln also Strategien, die zunächst hoch funktional sind. Das sichert uns Bindung und Versorgung durch Anpassung.
Menschenkinder erleben eine lange Phase der Abhängigkeit, bis sie die Fähigkeiten zur Selbständigkeit erlanget haben. Allerdings sollte die Pubertät diese Abhängigkeit beenden und zur Abgrenzung, Selbstbestimmtheit und zum Lösen von der „Fremdversorgung“ führen.
Problematisch wird es jedoch, wenn diese Strategie im Erwachsenenalter fortbesteht. Der junge Erwachsene orientiert sich zunehmend an den Erwartungen anderer und verliert dabei den Zugang zu eigenen Bedürfnissen, Wünschen und auch zu aggressiven Impulsen.
Das Paradoxe daran ist, er macht scheinbar alles richtig, nur kommt er sich dabei selbst abhanden und entwickelt Angst davor Verantwortung zu übernehmen.
Depressive Entwicklungen können dann unter anderem als Ausdruck einer chronischen Selbstentfremdung verstanden werden.
2) Die Rolle der Aggressionshemmung
Besonders interessant finde ich dem Zusammenhang zwischen Bravsein und unterdrückter Aggression.
In der klassischen tiefenpsychologischen Depressionstheorie spielt die Wendung aggressiver Impulse gegen die eigene Person eine zentrale Rolle. Wer gelernt hat, dass Widerspruch, Ärger oder Abgrenzung die Beziehung gefährden, kann aggressive Impulse möglicherweise nicht ausreichend nach außen richten.
Anstatt: „Ich bin wütend, weil Du schon wieder meine Grenzen überschreitest!“
entsteht: „Mit mir stimmt etwas nicht, weil ich schon wieder unzufrieden bin.“
Aus berechtigter Wut werden Schuldgefühle, Selbstabwertung und möglicherweise depressive Verarbeitungsmuster.
In diesem Sinne könnte man die ursprüngliche Aussage sogar modifizieren:
Depression kann entstehen, wenn ein Mensch seine Aggression dauerhaft gegen sich selbst richtet, um für die Anderen liebenswert zu bleiben.
Das ist selbstverständlich nur eine mögliche Dynamik und keine allgemeingültige Erklärung depressiver Erkrankungen.
3) Schematherapeutisch: Das brave Kind und der strafende innere Kritiker
Auch aus schematherapeutischer Sicht ist die Aussage nachvollziehbar.
Modus Unterwerfung … Ich darf nicht widersprechen!
Modus Aufopferung … Die Bedürfnisse anderer sind wichtiger!
Modus Anerkennungssuche … Ich bin nur wertvoll, wenn die Anderen zufrieden mit mir sind!
Modus Fixe Standards … Ich darf keine Schwäche zeigen!
Elternmodus … Wenn ich eigene Bedürfnisse habe, bin ich egoistisch!
Das eigentlich Tragische daran ist, dass die Betroffenen häufig nicht einmal mehr bemerken, wie stark sie sich selbst einschränken. Sie erleben ihre Anpassungsleistung nicht als Strategie sondern als Teil ihrer Persönlichkeit. „So bin ich eben!“
Die Depression kann in solchen Fällen auch einen Zusammenbruch einer über Jahre aufrechterhaltenen Überanpassung markieren.
4) Verhaltenstherapeutisch: Wenn Anpassung kurzfristig belohnt wird
Hier bekommt die Verwendung des Begriffes „Belohnung“ eine zusätzliche Bedeutung, denn Bravsein wird tatsächlich häufig verstärkt.
Wer keine Ansprüche stellt, bekommt weniger Widerstand.
Wer immer funktioniert, erhält Anerkennung.
Wer Konflikte vermeidet, erlebt kurzfristig Erleichterung.
Wer eigene Bedürfnisse zurückstellt, muss nicht mit Ablehnung oder Zurückweisung rechnen.
Langfristig stabilisiert sich daraus jedoch oft ein dysfunktionales Muster.
Der Mensch erhält soziale Verstärkung für Verhaltensweisen, die gleichzeitig seine Möglichkeiten zur Selbstwirksamkeit, Bedürfnisbefriedigung und positiven Verstärkung stark einschränken.
Aus dieser Perspektive ist Depression keine eigentliche Bedrohung, sondern vielmehr eine langfristige Konsequenz kurzfristig erfolgreicher Anpassungsstrategien.
Das macht die Aussage vielleicht auch aus lerntheoretischer Sicht interessant.
5) Wo ich die Aussage kritisch sehe
Bei aller psychologischer Plausibilität sehe ich drei Gefahren.
Erstens suggeriert die Aussage eine monokausale Erklärung. Depression ist aber eine multifunktionale Erkrankung. Genetische Vulnerabilität, neurobiologische Prozesse, psychosoziale Belastungen, Verlusterleben und weitere Faktoren können eine Rolle spielen.
Das heißt, nicht jeder überangepasste Mensch wird depressiv und nicht jeder Depressive ist überangepasst.
Zweitens kann in der Aussage eine subtile Schuldzuweisung verstanden werden.
Ein depressiver Mensch könnte verstehen, ich bin ja selber Schuld, weil ich mich nie ausreichend abgegrenzt habe.
Drittens könnte die Aussage eine problematische Gegenreaktion provozieren.
Als Alternative zum Bravsein könnte Rücksichtslosigkeit verstanden werden, obwohl es um die Entwicklung einer gesunden Balance zwischen Autonomie und Verbindung geht.
6) Meine bevorzugte Interpretation
Ich möchte den Satz vor allem als Metapher für eine biographisch erworbene Überlebensstrategie verstehen, die irgendwann ihren Preis fordert.
Das brave Kind hat wahrscheinlich genau das getan, was notwendig war, um möglichst emotionale Sicherheit herzustellen.
Der Erwachsene führt diese Strategie fort, obwohl sich die Bedingungen längst verändert haben.
Was ursprünglich Schutz war, führt zur Begrenzung der eigenen Persönlichkeit.
Was früher Beziehung gesichert hat, verhindert heute eine lebendige Beziehung zu sich selbst.
Man könnte sagen: Manche Menschen haben so früh gelernt, niemandem zur Last zu fallen, dass sie später nicht bemerken, wie schwer sie dadurch an ihrem eigenen Leben tragen.
Oder etwas provokanter: Wer weit überwiegend nur funktioniert, verliert das Gefühl dafür, wofür er eigentlich lebt.
7) Noch ein spannender Gedanke
Die ursprüngliche Aussage enthält für mich auch eine gesellschaftliche Dimension, denn unsere modernen soziokulturellen Betrachtungen und Beurteilungen pathologisieren häufig denjenigen, der irgendwann nicht mehr funktioniert, während wir die Bedingungen, unter denen er jahrelang funktioniert hat, kaum oder gar nicht hinterfragen.
So müsste man einen depressiven Mitmenschen eigentlich fragen: „Was würde wohl in ihrem Leben passieren, wenn Sie nicht mehr versuchen würden, ein guter Mensch auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse zu sein?“
Mein Fazit
Als wissenschaftliche, fundierte Aussage ist „Depression ist die Belohnung fürs Bravsein“ zu undifferenziert.
Als Psychotherapeutische Provokation halte ich sie hingegen für bemerkenswert gehaltvoll, denn sie verweist auf ein klinisch relevantes Paradoxon, nämlich, dass ausgerechnet die Verhaltensweisen, die einem Menschen ursprünglich geholfen haben, geliebt, anerkannt und beschützt zu werden, später zu Faktoren seiner psychischen Erkrankung werden.